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Intern
    Pädagogik bei Verhaltensstörungen

    Lernen im Ungleichschritt

    1. Indien – der Ausgangspunkt

         1.1. Aspekte der Arbeit des Rishi Valley Institute for Educational Resources

    Seit Mitte der 1980er Jahre entwickelte das Rishi Valley Institute for Educational Resources (RIVER) Schulen, die in den sehr armen Dörfern rund um Rishi Valley, im Süden Indiens liegen. Jedes Kind kann unter Berücksichtigung seiner kulturellen Herkunft und Lernvoraussetzungen gemeinsam mit anderen Kindern einen gut strukturierten Lernweg im individuellen Lerntempo und doch eingebunden in die Sozialität des Klassenverbands beschreiten.

    Ausgangspunkt der Entwicklung waren Fragen, die auch in Deutschland, besonders unter den Herausforderungen, ein inklusives Bildungssystem zu realisieren aktuell sind: Wie kann man zum einen der großen Altersmischung und zum anderen der Leistungsheterogenität der Kinder in einer Schule oder Klasse gerecht werden? Wie lassen sich individuelles und gemeinschaftliches Lernen erfolgreich miteinander verbinden?

    Für das indische Land galt Mitte der achtziger Jahre, dass sich meist weder die Kinder, noch die oft nicht alphabetisierte Elternschaft, noch die Lehrer mit Schule identifizierten: Schulen waren in vielen Dörfern nicht vorhanden oder aber es fand sehr unregelmäßig Unterricht statt - wenn jedoch, dann vielfach unter der Erzeugung von Angst. Die familiären, religiösen und landwirtschaftlichen Verpflichtungen der Kinder und die angstbesetzte schulische Situation führten dazu, dass viele Kinder keine Schule besuchten oder nach kurzer Zeit abbrachen. Diese Situation brachte RIVER dazu, sich auf der Grundlage bildungsphilosophischer Gedanken Krishnamurtis (www.kfionline.org) mit Unterricht zu befassen. In diesen Überlegungen geht es auch darum, dass Schulen nicht auf Konkurrenz und Vergleich angelegt zu sein brauchen, um erfolgreich zu sein, sondern die Einzigartigkeit ihrer Schüler im Klassenverband fördern können, um angstfreies Lernen und Leben zu ermöglichen. Inzwischen gehört RIVER zu den innovativsten internationalen Impulsgebern für die Entwicklung individualisierter Schulen, in denen angstfrei und zugleich erfolgreich gelernt wird.

    Die Ausstrahlung der MGML-Methodology in zahlreiche Bundesstaaten Indiens erreichte 2018 etwa 300.000 Grundschulen und ungefähr zwölf Millionen Kinder. RIVERs Entwicklungen beeinflussen schulische Entwicklungen in vielen Ländern weltweit. Sie wurden mehrfach national und international für ihre Arbeit ausgezeichnet und gewürdigt.

    Weitere Informationen, auch zur MGML-Methodology und ihren Lernleitern finden sich hier:

    https://www.rishivalley.org/rural-education-centre

    https://de.wikipedia.org/wiki/Lernleitern

     

         1.2. Ausgewählte Ergebnisse der Kooperation mit RIVER

    Die Kooperation zwischen RIVER und deutschen Universitären begann 20002 mit der Universität von Regensburg (Schulpädagogik) und verlagerte sich seit 2011 kontinuierlich auf die Universität Würzburg (Pädagogik bei Verhaltensstörungen). Von deutscher Seite her ist die Kooperation wesentlich durch Dr. Ralf Girg und PD Dr. Thomas Müller initiiert und organisiert.

    Seit 2004 nahmen etwa 300 deutsche Lehramtsstudierende an gemeinsamen Seminaren vor Ort in Rishi Valley, Indien teil. Darüber hinaus wurden und werden (Würzburg) regelmäßig Seminare zur MGML-Methodology angeboten, um Studierende zu informieren, einzuarbeiten und für ihre Aufgaben als Lehrkräfte mit heterogenen Gruppen vorzubereiten. Die Erfahrungen der Lehramtsstudierenden, die zu gemeinsamen Seminaren in Rishi Valley waren, beeinflussen die Weiterentwicklungen deutscher Schulen von der Förderschule bis zum Gymnasium und Universitäten inzwischen nachhaltig, wenn auch vorrangig in Süddeutschland.

    Darüber hinaus wurden und werden seit 2004 hunderte von Lehrkräften verschiedenster Schularten fortbildend informiert oder in Workshops eingearbeitet. Die Nachfrage ist weiterhin hoch.

    PD Dr. Thomas Müller führte zahlreiche Seminar mit Lehramtsstudiereden in Rishi Valley durch, speziell unterstützt durch das Programm A New Passage to India (2013 – 2017) des DAAD. Darüber hinaus arbeitete er als Gastprofessor am IIT Madras, um über die Arbeit von RIVER, die MGML-Methodology und das Lernen mit Lernleitern sowie die Einflüsse in Deutschland zu informieren.

    Eines der Ergebnisse der intensive Kooperation mit RIVER ist ein auf zwei Jahre hin angelegtes Curriculum für Vorschulkinder, das erfolgreich erprobt und implementiert wurde. Dies beeinflusste die Arbeit von Kollegen im sonderpädagogischen Feld, die Lernleitern für Schulvorbereitende Einrichtungen für Kinder mit Förderbedarf entwickelten.

    Weitere Ergebnisse der Kooperation sind, neben zahlreichen deutschen Veröffentlichungen, zwei internationale Veröffentlichungen

    • Müller, Thomas / Lichtinger, Ulrike / Girg, Ralf: The MultiGradeMultiLevel-Methodology and its Global Significance: Ladders of Learning - Scientific Horizons - Teacher Education. Immenhausen 2015, Prolog-Verlag
    • Brahme, Milind / Babu, Suresh / Müller, Thomas (Hrsg.) (2018): Inclusive Education in India. Concepts, Methods and Practice. New Delhi. Mosaic Books

    Zusammen mit RIVER und dem IIT Madras organisierte PD Dr. Thomas Müller die First World Conference on MGML-Methodologies im Jahr 2016 mit Teilnehmern aus der ganzen Welt. Der Bericht zu Konferenz findet sich hier.

     

    2. Internationale Entwicklungen
         2.1. 
    Sierra Leone – Implementierungsversuch für Schüler mit Förderbedarf im Bereich Geistige Entwicklung und Hören

    Auf Einladung des Honorarkonsuls von Sierra Leone in München, Herrn Dr. Scheiter, erarbeiteten zwei Studierende des Instituts für Sonderpädagogik der Universität Würzburg (Anna Gaul und Michel Chab) unter Vorbereitung und Supervision durch PD Dr. Thomas Müller Lernleitern an der Hosetta Abdullah Memorial Special Needs School. Involviert waren darüber hinaus Prof. Dr. Christoph Ratz von der Universität Würzburg, Joseph Cole für den Verein für Sierra Leone e.V. und Teile des Kollegiums der Hosetta Abdullah Memorial Special Needs School.

     

         2.2. Kenia – mobile Schulen für Dasanaach Nomaden

    Durch seine jahrelange Missionserfahrung hat Pater Florian die täglichen Probleme der Nomadenvölker kennengelernt und auch erkannt, dass die vorhandenen Schulen sich nicht für die Ausbildung der Nomadenkinder eignen. In Gesprächen mit den Nomadenfamilien haben Pater Florian und sein Team festgestellt, dass Daasanach-Eltern einen Schulbesuch ihrer Kinder befürworten, wenn die Schule zu ihnen kommt und mit ihnen mitzieht. Es ist daher Aufgabe, eine flächendeckende grundlegende Schulausbildung im Stammesgebiet der Daasanach auf der Ostseite des Turkanasees zu initiieren, die den nomadischen Lebensstil sowie die spezifischen Interessen und Bedürfnisse der Daasanach berücksichtigt.

    Mit den INES-Schulen können in den Foras (die vorübergehenden Siedlungen der Vieh-Nomaden) Bildungsangebote entstehen. Neben den drei Kulturtechniken – Lesen, Schreiben, Rechnen – werden auch Lebensbereiche wie Hygiene, Viehhaltung und -verwertung, Umgang mit Geld, technisches Wissen, Wassergewinnung usw. als Lernfelder bearbeitet. Zudem werden Grundkenntnisse in Kisuaheli und Englisch aufgebaut.

    Die neuen, an die Kultur der Daasanach angepassten Lernmaterialien basieren auf der MGML-Methodology und ihren Lernleitern. Sie werden vom INES-Entwicklungsteam in Illeret konzipiert und hergestellt. Über das Lernmaterial und sogenannte „Barfußlehrer“ entstehen mobile Schulen, die von einem Esel transportiert werden und mit den Familien mitziehen. Die „Community Lehrer“ sind selbst Nomaden. Sie können sich über ihren eigenen Schulbesuch und die INES-Lehrerausbildung entsprechend qualifizieren.

    Seit 2017 begleitet PD Dr. Thomas Müller Ruth Würzle und Theresa Schaller, die im Auftrag der Benediktiner (St. Otilien) die Lernleitern und das entsprechende Material entwickeln, Lehrkräfte schulen und mit ihnen gemeinsam den Aufbau der mobilen Schulen initiieren. Er fungiert dabei als wissenschaftliche Beratung für Entwicklungs- und Organisationsaspekte sowie die Projektdokumentation der Arbeit von Ruth Würzle und Theresa Schaller. Im Februar 2019 besuchte PD Dr. Müller auf Einladung des Benediktiner-Ordens Illeret und die mobilen Schulen.

     

         2.3. Laos – Lernleitern für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf

    Auf Initiative der Stiftung Engel für Kinder wurde im Jahr 2019 eine Kooperation initiiert, die PD Dr. Müller im Herbst 2019 an Schule in Laos führen wird, die seitens der Stiftung seit vielen Jahren unterstützt werden. Dort wird in einem ersten Schritt der sonderpädagogische Förderbedarf der Kinder diagnostiziert, die den dortigen Lehrkräften als auffällig erscheinen. Auf dieser Basis finden ab Oktober 2019 mit Studierenden gezielt Milestone-Entwicklungen statt. Von November bis April werden, supervidiert durch PD Dr. Müller, zwei Studierende in Laos konkret Lernleitern und Lernmaterialien entwickeln. Sie werden Lehrkräfte für den Umgang mit Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf sensibilisieren und gemeinsam das Lernen dieser Kinder mit Lernleitern implementieren.

     

    3. Deutschland – das SeELe-Projekt

    Ziel des Projekts SeELe ist die Entwicklung von Materialien zur Unterstützung sozial-emotionaler Lernprozesse in der Schule und anderen pädagogischen Settings für SchülerInnen der Sekundarstufe 1. Die Materialien sollen der Heterogenität von Kindern und Jugendlichen gerecht werden durch eine aktivitätsorientierte und eigenverantwortliche Befassung mit individuellen und gemeinsamen Aufgaben im je eigenen Lerntempo. Unterstützt wird das Projekt durch die Heidehof-Stiftung.

    Das Projekt wird gemeinsam mit Dr. Stefanie Roos von der TU Dortmund, Dr. Christine Schmalenbach von der International Nehemiah University El Salvador und Anja Grieser realisiert.