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Intern
    Pädagogik bei Verhaltensstörungen

    Sozial-emotionale Entwicklung mit Lernleitern

     


    Antragsteller: PD Dr. Thomas Müller, Universität Würzburg in Kooperation mit Dr. Stefanie Roos, TU Dortmund, Dr. Christine Schmalenbach, Nehemiah International University El Salvador und Anja Grieser

    Kooperierende Schulen: Katholische Hauptschule Marl; Mittelschule München an der Lehrer-Wirth-Straße

    Projekttitel: SeELe - sozial emotionale Entwicklung mit Lernleitern

    Stiftungsgeber: Heidehof-Stiftung GmbH

     

    1. Ziel

    Ziel des Projekts SeELe ist die Entwicklung von Materialien zur Unterstützung sozial-emotionaler Lernprozesse in der Schule und anderen pädagogischen Settings für SchülerInnen der Sekundarstufe 1. Die Materialien sollen der Heterogenität von Kindern und Jugendlichen gerecht werden durch eine aktivitätsorientierte und eigenverantwortliche Befassung mit individuellen und gemeinsamen Aufgaben im je eigenen Lerntempo.

     

    2. Hintergründe

    Nach einem interaktionistischen Verständnis entwickeln sich der Umgang mit Emotionen und das Sozialverhalten in Interaktion mit dem sozialen Umfeld (vgl. Stein/Müller 2015). Bei jedem Menschen findet diese Entwicklung unterschiedlich statt. Grundlegende emotional-soziale Fähigkeiten sind für eine demokratische Gesellschaft unverzichtbar (vgl. Pfeffer 2017). In dem Projekt SeELe werden Aspekte der MultiGradeMultiLevel-Methodology aus Indien und des Kooperativen Lernens kombiniert zu einer Lernleiter mit individuellen und gemeinsamen Aufgaben zur Unterstützung der sozial-emotionalen Entwicklung. Beide Ansätze entstanden als pädagogisch-didaktische Antwort auf herausfordernde Rahmenbedingungen und fokussieren die Eigenaktivität und die Interaktion von SchülerInnen (vgl. Müller 2016; Schmalenbach 2017).

     

    2.1 Die MultiGradeMultiLevel-Methodology und ihre Lernleitern

    Vor ca. 30 Jahren wurde die MultiGradeMultiLevel-Methodology (MGML) durch das Rishi Valley Institute for Educational Resources (RIVER) entwickelt. Sie entstand im Rahmen des Aufbaus von ländlichen Schulen in armen und entlegenen Dörfern rund um Rishi Valley im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh. Das Konzept war eine Antwort auf die Herausforderungen, denen sich diese Schulen unter anderem stellen mussten: Eine große Heterogenität im Alter und Leistungsniveau der SchülerInnen, mangelnde Identifikation der Beteiligten mit der Schule und den Inhalten des Unterrichts, Lernlücken durch Unterrichtsausfälle und Schulabsentismus und eine von Angst und Druck geprägte Unterrichtsatmosphäre (vgl. Müller 2016; Girg/Lichtinger/Müller 2012). Nach diesen kleinen, lokalen Anfängen, hat sich MGML inzwischen stark weiterverbreitet und wird nun in verschiedenen Kontexten weltweit eingesetzt. Dabei wird das Konzept jeweils an die lokalen und regionalen Gegebenheiten angepasst, beispielsweise in Äthiopien, Nepal und Kenia. Auch in Deutschland wurden die Lernleitern mehrmals erfolgreich in verschiedenen Schulformen und -stufen eingesetzt, u.a. mit Schülern und Schülerinnen mit Förderbedarf sozial-emotionale Entwicklung (vgl. Müller/Lichtinger/Girg 2015).

    Ein zentrales Element von MGML sind die Lernleitern (ladders of learning). Diese strukturieren den Lernprozess sichtbar und sichern ihn ab, wobei die Lernenden ihre Lernprozesse in ihrem eigenen Rhythmus gestalten können. Die Lernleitern sind untergliedert in Milestones. Diese beinhalten thematisch zusammenhängende Aktivitäten und sind aufgegliedert in Einführung (Introductory), Übung (Reinforcement), Evaluation des angestrebten Ziels (Evaluation), und bei Bedarf Förderung (Remedial) oder Ausweitung (Enrichment). Symbole verknüpfen die Aktivitäten auf der Lernleiter mit Aktivitätskarten und den dazugehörigen Materialien. Für die Lernenden wird ihr Erfolg beim Voranschreitens auf der Lernleiter sichtbar (vgl. Müller 2012; 2016).

     

    2.2 Soziales und Emotionales Lernen

    Emotionale und soziale Kompetenzen können u.a. als Schlüsselqualifikationen angesehen werden. Obwohl die beiden Kompetenzbereiche nicht identisch sind, sind sie miteinander verwoben und voneinander abhängig (vgl. Hartmann/Methner 2015, 12 und Schreyer-Mehlhop/Petermann/Siener/

    Petermann 2011, 202). Sie können auf einem Entwicklungskontinuum betrachtet werden (vgl. z.B. Berk 2011, 346) und lassen sich daher gezielt fördern. Lebenserfolg, z.B. im akademischen Bereich (vgl. z.B.  Jones/Bouffard 2012) wird mit dem Vorhandensein eines angemessenen Maßes an sozialen und emotionalen Fähigkeiten in Verbindung gebracht (vgl. Halle/Darling-Churchill 2016, 9). Die einzelnen SchülerInnen einer Schulklasse zeigen unterschiedlich stark ausgeprägte emotionale und soziale Kompetenzen in verschiedenen Bereichen (vgl. z.B. Stein/Müller 2015).  Selbstwirksamkeit spielt als Moderator- bzw. Mittlervariable auf den Aufbau und die Verstetigung sozial-emotional kompetenten Verhaltens eine zentrale Rolle (vgl. z.B. Roos 2006, 96).

     

    2.3 Kooperatives Lernen

    Eine Möglichkeit, die Entwicklung sozialer Kompetenzen in der Schule alltagsbegleitend zu fördern, ist das Kooperative Lernen (vgl. Davidson/Howell Major, 2014). Hierbei geht es darum, den Unterricht so zu organisieren, dass SchülerInnen zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen (vgl. Souvignier 1999, 14). Dabei werden soziale Prozesse durchgängig „thematisiert, akzentuiert und strukturiert“ (Weidner 2008, 29).

    Kooperatives Lernen ist ein sehr breit evaluierter Unterrichtsansatz (vgl. Slavin 1990). Aus Meta-Analysen und Reviews kann geschlossen werden, dass dieser Ansatz sowohl schulisches Lernen als auch die soziale und emotionale Entwicklung von Schülerinnen und Schülern fördert (beispielsweise Johnson/Johnson 1989, 2002; Slavin 1990; Hattie 2009; Kyndt et al. 2013), insbesondere bei SchülerInnen aus “vulnerablen” Gruppen wie ethnischen Minderheiten, Familien mit einem niedrigen Einkommen, SchülerInnen in den ersten drei Klassen der Grundschule und in städtischen Schulen (vgl. Ginsburg-Block, Fatuzzo, und Rohrbeck 2006).

     

    3. Das Projekt SeELe

    Seit 2017 wird die Lernleiter zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen für den Einsatz im inklusiven Unterricht in der Sekundarstufe 1 entwickelt. Die Lernleiter lässt sich in fünf Ebenen aufteilen, die jeweils einen Themenkomplex abbilden und nur nach vollständiger Bearbeitung einer Ebene ein Voranschreiten in eine neue erlauben. Der einführende Themenkomplex mit Milestones zu Kooperation, Kommunikation und Biografie dient der behutsamen Annäherung an die Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung und dem Erleben. Die darauffolgende Ebene der Lernleiter thematisiert die Grundemotionen Wut, Trauer, Angst und Freude. Die Kinder und Jugendlichen können ihre Bearbeitungsreihenfolge zwischen den systemisch angeordneten Milestones frei wählen, wobei jeder Milestone eine Emotion abbildet. Auf der nächsten Ebene der Lernleiter werden erweiterte Emotionen wie Stolz, Scham und Ekel erarbeitet. In der vierten Ebene befassen sich SchülerInnen mit Themen der Bezogenheit wie Freundschaft, Beziehungen, Sexualität, aber auch Kommunikation, Kooperation und Konflikten. Abschließend findet noch einmal eine Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie und ein Ausblick auf die Zukunft statt. Zudem gibt es Querlagen-Thematiken die immer wieder auftauchen, beispielsweise Selbstkonzept, Identität, Selbstwirksamkeit.

    Die Lernleiter bietet den Rahmen, bei den Aktivitäten wechseln sich Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit ab. Gemeinsame Aufgaben setzen soweit möglich die Prinzipien Kooperativen Lernens um. Durch den Einsatz von Reflexionsphasen in Kleingruppen und Transferaufgaben wird eine Integration der Lernleiter in den Alltag der Kinder und Jugendlichen angelegt. Bei der grafischen Umsetzung der Lernleiter wurde auf Klarheit und Reizreduktion geachtet. Die einzelnen Aktivitäten jedes Milestones Reihen sich um Themenbild, welches das Thema abstrakt und ausdrucksstark abbildet. Die farbig gestalteten Bilder geben einen Einblick in das Thema und regen die Schülerinnen und Schüler gleichzeitig dazu an, diese mit ihren eigenen Wahrnehmungen und Erfahrungen zum Thema zu füllen. Die Arbeit mit den Materialien wird durch klare, strukturierende Elemente (beispielsweise Symbole, Zahlen, klare, knappe Sätze) unterstützt. 

     

    Eine detailliertere Beschreibung des Projekts und seiner theoretischen Hintergründe findet sich bei Schmalenbach, C., Roos, S., Müller, T. & Grieser, A. (2019). SeELe - Sozial-emotionale Entwicklung mit Lernleitern. Emotionale und Soziale Entwicklung 1, 174-184.

     

    Bisherige Projekte im Themenfeld

    • seit 2004 jährlich: universitäre Seminare mit Lehramtsstudierenden und Forschungsaufenthalte in Rishi Valley (gefördert durch den DAAD 2007 und 2012 – 2017), Indien
    • zahlreiche Fortbildungen und Vorträge sowie universitäre Seminare zur MGML-Methodology in Deutschland und Indien
    • Gastprofessur am IIT Madras, Indien (2012 – 2017)
    • Organisation und Durchführung der 1. World Conference on MGML-Methodology am IIT Madras, Indien 2016
    • Entwicklung, Implementierung eines zweijährigen Vorschul-Curriculums inkl. aller Materialien auf Basis der MGML-Methodology, Indien
    • seit 2017 wissenschaftliche Begleitung des Illeret Nomadic Education System: mobile Schulen für Dasanaach Nomaden, Kenia, auf Basis der MGML-Methodology
    • Betreuung einer Promotion zu den Effekten des Lernens mit Lernleitern (abgeschlossen 01/2019) an Förderschulen und ihren Auswirkungen auf das schulische Fähigkeitsselbstkonzept (Längsschnittstudie, mixed methods)
    • Betreuung dieser Abschluss-/Masterarbeiten zum Lernen mit Lernleitern (an der Universität Würzburg und TU Dortmund)
    • seit 2017 zusammen mit Dr. Stefanie Roos (TU Dortmund und Dr. Christine Schmalenbach (Nehemiah International, El Salvador) sowie Anja Grieser (Sonderpädagogin) Vorarbeiten und Entwicklung des SeELe-Projektes

     

     

    Literatur

    Berk, L. E. (2011). Entwicklungspsychologie (5., überarb. Aufl.). München: Pearson Studium.

    Davidson, N., & Howell Major, C. (2014). Boundary Crossings: Cooperative Learning, Collaborative Learning, and Problem-Based Learning. Journal on Excellence in College Teaching, 25 (3&4), 7–55.

    Ginsburg-Block, M. D., Fantuzzo, J. W., & Rohrbeck, C. A. (2006). A Meta-Analytic Review of Social, Self-Concept, and Behavioral Outcomes of Peer-Assisted Learning. Journal of Educational Psychology, 98(4), 732–749.

    Girg, R., Lichtinger, U. & Müller, T. (2012): Lernen mit Lernleitern. Unterrichten mit der MultiGradeMultiLevel-Methodology. Immenhausen: Prolog.

    Halle, T.-G. & Darling-Churchill, K.-E. (2016). Review of measures of social and emotional development. Journal of Applied Developmental Psychology 45, 8–18.

    Hartmann, B. & Methner, A. (2015). Leipziger Kompetenz-Screening für die Schule (LKS). Diagnostik und Förderplanung: soziale und emotionale Fähigkeiten, Lern- und Arbeitsverhalten. München: Ernst Reinhardt.

    Hattie, J. (2008). Visible learning: A synthesis of over 800 meta-analyses relating to achievement. London: New York: Routledge.

    Johnson, D. W., & Johnson, R. T. (1989). Cooperation and Competition: Theory and Research. Edina: Interaction Book Company.

    Johnson, D. W., & Johnson, R. T. (2002). Learning Together and Alone: Overview and Meta-analysis. Asia Pacific Journal of Education, 22(1), 95–105.

    Jones, S.M. & Bouffard, S. (2012). Social and emotional learning in schools: From programs to strategies. Social Policy Report, 26(4), 1-22.

    Kyndt, E., Raes, E., Lismont, B., Timmers, F., Cascallar, E., & Dochy, F. (2013). A meta-analysis of the effects of face-to-face cooperative learning. Do recent studies falsify or verify earlier findings? Educational Research Review 10, 133–149.

    Müller, T. (2012). „Mit mir geht was weiter…“.  Zur Arbeit mit der MultiGradeMultiLevel-Methodology und ihren Lernleitern an der St. Vincent-Schule. Fördermagazin 3, 49 – 52.

    Müller, T. (2016). Lernen mit Lernleitern – Schulentwicklungskonzeptionen aus Rishi Valley. Schulpädagogik heute, 7(13), o.S.

    Müller, T., Lichtinger U., Girg, R. (2015): The MultiGradeMultiLevel-Methodology and its Global Significance. Ladders of Learning - Scientific Horizons - Teacher Education. Immenhausen: Prolog

    Pfeffer, S. (2017). Sozial-emotionale Entwicklung fördern: Wie Kinder in der Gemeinschaft stark werden. Freiburg: Herder.

    Roos, S. (2006). Evaluation des „Trainings mit Jugendlichen“ im Rahmen schulischer Berufsvorbereitung. Frankfurt a.M.: Lang.

    Schmalenbach, C. (2017). Cooperación y participación como respuesta a situaciones desafiantes en las vidas de estudiantes. RIE - UANL (4), 46–59. www.uanl.mx/sites/default/files/rie_2017.pdf, Zugegriffen: 26. Oktober 2018.

    Schreyer-Mehlhop, I., Petermann, F., Siener, C. & Petermann, U. (2011). Ressourcenorientierte Diagnostik des Sozialverhaltens in der Schule. Ein Baustein zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenz. Kindheit und Entwicklung, 20(4), 201-208.

    Slavin, R. E. (1990). Cooperative learning: Theory, research, and practice. Englewood Cliffs: Prentice Hall.

    Souvignier, E. (1999). Kooperatives Lernen in Sonderschulen für Lernbehinderte und Erziehungsschwierige. Sonderpädagogik, 29(1), 14–25.

    Stein, R., & Müller, T. (2015). Verhaltensstörungen und emotional-soziale Entwicklung: zum Gegenstand. In R. Stein, T. Müller, (Hrsg.), Inklusion im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung (S. 19–43). Stuttgart: W. Kohlhammer.

    Weidner, M. (1998). Durch Gruppenunterricht zur Teamfähigkeit: Kooperative Lernformen an einer Schule für Erziehungshilfe. Praxis Schule 5-10 (5), 16–19.

    Weidner, M. (2008). Kooperatives Lernen im Unterricht: Das Arbeitsbuch (4. Aufl.). Seelze-Velber: Kallmeyer.